Ist Trans-Sein ein Privileg? | Ein Bericht auf Queer.de

Quelle: Queer.de

Ist Trans-Sein ein Privileg?

Die neue Doku “Privileg” porträtiert den Berliner trans Mann Henri Vogel: Auf den ersten Blick ein unscheinbarer Mensch, der aber doch viel zu sagen hat. Der Film schafft den Spagat, sowohl ein queeres als auch ein nicht-queeres Publikum anzusprechen.


 Der Berliner trans Mann Henri Vogel steht im Mittelpunkt der Doku “Privileg” von Ali Schmahl (Bild: AlefCine Pictures)

Es heißt ja immer, Paare werden sich im Laufe ihrer Beziehung immer ähnlicher. Ganz so einfach ist es zwar nicht, wie Studien mittlerweile herausgefunden haben. Aber bei diesem Paar trifft es wohl doch zu, so der erste subjektive Eindruck. Henri Vogel und sein Ehemann Johannes tragen beide eine olivgrüne Jacke, eine passende Schiebermütze, der eine hat eine eckige, der andere eine runde Brille, der Bart des einen ist voller als der des anderen.

Doch schnell wird klar: Die beiden haben sich noch mehr angeglichen als zunächst gedacht. Denn Henri ist ein trans Mann mit gutem Passing. Das Paar wird häufig als schwul wahrgenommen, Johannes aber identifiziert sich nicht als schwul. Anfangs, erzählt er, war ihm auch ganz wichtig, das richtigzustellen. Mittlerweile ist er entspannter.

Keine Stimme für die ganze Community

Ob er denn das Gefühl habe, einen männlichen oder weiblichen Körper zu berühren, fragt ihn Henri. Er antwortet zögernd. “Ich berühre einfach den Körper, mit dem ich gerne kuschle von dem Menschen, mit dem ich gerne zusammen bin.” Androgyn vielleicht, nenne man das so? Oder geschlechtslos?

Die Doku “Privileg” von Regisseur Ali Schmahl begleitet Henri Vogel in seinem Alltag, der in verschiedene Kapitel wie “Transsexualität” (warum auch immer dieser veraltete Begriff genutzt wird), “Religion” oder “Partnerschaft” eingeteilt wird. So lernen wir Henri als religiösen Menschen kennen, der sich intensiv mit der evangelischen Kirche auseinandersetzt und mittlerweile sogar in Theologie promoviert. Aber auch Schwierigkeiten im Alltag finden Platz: Henri fühlte sich lange unwohl, in die Sauna zu gehen. Im Herbst im See zu baden, sei angenehmer als im Sommer, wenn so viel los ist.


 Henri Vogel (re.) und sein Ehemann Johannes (Bild: AlefCine Pictures)

Dem Film gelingt etwas, was nicht viele Dokumentationen über trans Menschen schaffen: Er spricht sowohl die queere Community als auch die Mehrheitsgesellschaft an. So diskutiert Henri mit Anastasia Biefang, der ersten trans Kommandeurin der Bundeswehr, über die Rolle von trans Menschen in der Öffentlichkeit. Henri findet: Es braucht mehr stolze trans Stimmen, aber Stimmen von Einzelnen sollten auch als solche behandelt werden und nicht, wie häufig, als Repräsentation für die ganze Community dienen.

Das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen

In seiner Niedrigschwelligkeit ist der Erkenntnisgewinn insgesamt zwar überschaubar, für ein nicht-queeres Publikum dafür aber umso größer: Hier kommt ein trans Mann zu Wort mit einer relativ gewöhnlichen Geschichte. Ein Protagonist von nebenan ohne Superlative – ein sympathischer, zugänglicher Mensch. Dass bei einer unabhängigen Produktion ohne großes Budget handwerkliche Aspekte wie Licht und Kamera Abstriche machen müssen, ist verständlich und verschmerzbar. Manche Aussagen von Henri wären gekürzt jedoch noch prägnanter geworden.

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Der Titel der Dokumentation verwirrt dabei zunächst. Die Diskussion über Privilegien, die uns qua Geburt zufallen, ist längst kein aktivistisches Nischen-Thema mehr, empörte Gegenrufe inklusive. Dafür dass der Film den Titel “Privileg” trägt, findet eine direkte Auseinandersetzung jedoch erst ganz zum Schluss statt. Für ihn sei es ein Privileg, trans zu sein, sagt Henri, weil er das Recht wahrgenommen habe, über seinen Körper zu bestimmen.

Die Premiere vom “Privileg” findet am heutigen Donnerstag, den 25. Januar 2024 um 19.30 Uhr im Berliner Zoo Palast statt. Im Anschluss an die Vorführung wird es ein Q&A mit den beiden Protagonisten und dem Filmemacher geben.

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